Von der Melancholie des Lebens

„Ich stand auf und sagte, ich wolle den Hund hinaus lassen. Ihr Gesicht lag im Schatten. Draußen war es sternklar, still. Manchmal wünsche ich, ich könnte komponieren, wenn ich einen solchen Himmel sehe. Ich ging hinunter zum Steg – zum wievielten Mal an diesem Tag? […] Die Situation war unwirklich. Plötzlich hatte sich eine Tür zu einem Leben geöffnet, das ich nahezu für beendet gehalten hatte, und die schöne Frau, die ich einst geliebt und betrogen hatte, war zurückgekehrt. Damals schob sie meistens ihr Farrad, wenn ich sie nach der Arbeit im Schuhgeschäft in der Hamngatan traf. Jetzt schob sie einen Rollator. Ich fühlte mich verloren.“

Allein dieses traurige Zitat hat mich veranlasst, über ein Buch zu schreiben, dass meiner Meinung nach nicht schöner und zugleich tiefst melancholisch sein kann. Henning Mankells „Die italienischen Schuhe“ ist ein Werk des schwedischen Autors, dass sich mal nicht mit Kriminalfällen oder mit Afrika beschafft und es trotzdem erwirkt, dass man jede Seite verschlingt, als sei man auf der halsbrecherischen Jagd nach dem Mörder.

Der Erzähler lebt auf einer kleinen, verlassenen Insel an der Küste Schwedens. Seine einzigen Begleiter sind ein Hund und eine Katze, die beide mittlerweile genau so in die Jahre gekommen sind, wie er selbst. Die einzige und dabei meist unwillkommene Ablenkung ist die regelmäßige, aber seltene Ankunft des Postbootes. Um sich bewusst zu werden, dass er lebt, nimmt der Protagonist ganz gerne mal ein Bad in der zugefrorenen See.

Dieser Tätigkeit nachgehend, entdeckt er eines Tages eine Person, die auf dem Eis in noch sichtbarer Entfernung steht. Vor ihm steht ein Besuch, den er am liebsten so schnell wie möglich wieder loswerden will: seine ehemalige Geliebte Harriet, die er vor mehr als 40 Jahren verlassen hat. Sie ist schwer krank und bittet ihn um einen letzten Gefallen – er soll ihr das Versprechen erfüllen, welches er ihr vor der Trennung gab, mit ihr an einen entlegenen Waldsee zu fahren.

Und so macht sich der Erzähler mit ihr auf, den Waldsee der Vergangenheit zu suchen und dabei sein vergangenes Leben neu zu finden…

„Man gibt selber Versprechen. Man lauscht den Versprechen anderer Menschen. Politikern, die von einem besseren Leben für die Alternden sprechen, von einer Krankenpflege, bei der niemand wundlegende Stellen bekommt. Von Banken, die Versprechungen über höhere Zinsen machen, Lebensmittel, die eine Gewichtsabnahme versprechen, und Cremes, die ein Alter mit weniger Falten garantieren. Das Leben ist nichts anderes, als mit seinem kleinen Boot zwischen einem wechselnden, aber wie versiegenden Strom von Versprechungen zu kreuzen. Wie viele von diesen Versprechungen hat man im Gedächtnis? Man vergisst das, woran man sich erinnern will, und erinnert sich an das, wovon man sich am liebsten befreien will. Gebrochene Versprechen sind wie Schatten, die in einer Dämmerung herumtanzen.“

Henning Mankell: Die italienischen Schuhe. Deutsche Version 2006 erschienen im Paul Zsolnay Verlag.

Für Erfurter hier erhältlich, für alle anderen hier .

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